Ihre Musik kombiniert Elemente aus Jazz, Indie-Rock und Lo-Fi mit humorvollen cineastischen Themen – die Indie-„Band“ is it sunday? veröffentlichte innerhalb von knapp einem halben Jahr gleich 28 Alben und erlangte damit in kürzester Zeit große Popularität. Hinter diesem beeindruckenden Output steckt freilich kein gewöhnlicher Künstler – sondern, anders als man zunächst vermuten würde, eine KI.
Suno, Soundraw, Udio – das sind nur einige der Plattformen, mit denen Nutzer heute in Sekundenschnelle komplette Songs generieren können. Ein kurzer Prompt zum gewünschten Stil, optional ein Text, der von einer künstlichen Stimme gesungen werden soll – und schon ist das Lied fertig. Fällt einem mal kein Text ein – kein Problem! Der Algorithmus nimmt auch Stichworte entgegen, aus denen er dann seine eigenen fertigen Liedzeilen zaubert. So lassen sich bequem während eines Nachmittages dutzende Lieder anfertigen, oder wie im Fall von is it sunday? auch gleich ganze Alben mitsamt ihren Covern.
Und das Geschäft scheint zu boomen: 1,6 Millionen Mal wurde das meist geklickte Album just business, darling. inzwischen auf YouTube aufgerufen – rund 100.000 Mal mehr, seit mir vor gut einer Woche durch den plattformeigenen Empfehlungsalgorithmus vorgeschlagen wurde. Bei diesen Klickzahlen überrascht es nicht, dass der wenige Monate alte Kanal von is it Sunday? bereits mehr als 60.000 Abonnenten zählt. Nicht nur die bloße Zahl ist für die Plattform YouTube schon beachtlich – sie in weniger als einem Monat zu erreichen, stellt viele engagierte „gewöhnliche“ Creator deutlich in den Schatten.
Fraglich ist allerdings, ob die Musik ihre Popularität trotz oder wegen ihres Herstellungsverfahrens genießt. Zumindest in den Kommentaren einiger Videos von is it sunday? zeigt sich, dass viele Hörerinnen und Hörer durchaus überrascht reagieren – denn die KI-Herkunft der Musik wird von den „Interpreten“ lediglich verdeckt zwischen den Zeilen der Videobeschreibung genannt. Auf anderen Plattformen sucht man einen entsprechenden Hinweis vergebens. Gerade für das musikalisch ungeschulte Ohr ist der Unterschied kaum auszumachen, so wird manch eine Person unbemerkt hinters Licht geführt und schließlich ihrer eigenen souveränen Entscheidung über den Konsum oder Nichtkonsum von vorrangig KI-generierten Inhalten beraubt.
Hierbei handelt es sich auf gar keinen Fall um reine theoretische Haarspalterei: Bei annähernd 30 jeweils einstündigen Alben in einer Zeitspanne von wenigen Monaten kann man mit Fug und Recht von einer Content-Flut sprechen. Für nicht KI-basierte Musikschaffende ist das schlicht und einfach nicht zu bewerkstelligen, selbst angesichts des hohen Produktionsdrucks durch die bekanntermaßen harten Bedingungen der Branche. In nicht wenigen Fällen geht es dabei um das nackte Überleben. Insbesondere für diese nicht gerade unbeschwert tätigen Künstlerinnen und Künstler sind Projekte wie is it sunday? eine durchaus ernstzunehmende Konkurrenz und daher ist der häufige Wunsch auf Seiten der Konsumenten, zwischen jenen Inhalten unterscheiden zu können, kein bloßes Abstraktum.
Solange die üblichen großen Plattformen keine flächendeckende Kennzeichnungspflicht für KI-generierte Inhalte einführen und diese nicht konsequent durchsetzen, oder kein legislativer Druck in diese Richtung herrscht, ist mit fortschreitendem Entwicklungsgrad der Algorithmen auch mit einer zunehmenden Welle immer besserer, täuschend echter bis völlig ununterscheidbarer Inhalte nicht nur im musikalischen Bereich zu rechnen.
Wir haben es hier mit einem umfassendes Phänomen zutun, welches in ähnlicher Weise bereits die Fotografie und Literatur betrifft und mit bloß genügend Zeit sich bestimmt auch auf die Filmbranche ausweiten wird. Die Nachfrage nach rein menschengemachten oder „minimaltechnischen“ Produktionen wird deshalb nicht gänzlichst verschwinden, aber sich in der Breite womöglich bald schon in offene Konkurrenz zu algorithmisch erzeugtem Content begeben müssen. Sollte es bald zur gängigen Praxis werden, dass Künstlerinnen und Künstler ihre Werke aktiv als menschengemacht kennzeichnen, wäre das vor dem Hintergrund dieser Entwicklung kaum noch überraschend. just business, darling.
